RWTH Aachen FB 2 Architektur

Lehrstuhl für Bildnerische Gestaltung

Fotografie

WS 2010/11 BiG Medien

Fotografie

"Niemand kann behaupten etwas verstanden zu haben, solange er es nicht photographiert hat", Emile Zola, 1920

Fotografieren kann jeder. Es lässt sich schließlich erlernen. Fotokunst dagegen verfolgt Ideen, vermittelt Inhalte, verdichtet Erkenntnisse jenseits des Handwerklichen. Der Fotokünstler Andreas Magdanz entwickelt seine fotografischen Werkkomplexe aus der Wechselwirkung zwischen dem Medium Fotografie und den mit Spannung aufgeladenen besonderen Orten als Motiv. Zahlreiche Publikationen darunter die von der Bundesregierung aufgegebene riesige unterirdische Atombunkeranlage "Dienststelle Marienthal", die Hommage an Marceline Loridan-Ivens "Auschwitz-Birkenau", die durch den Braunkohleabbau "Garzweiler" zum Untergang verdammten Dörfer und Landstriche, sind Orte mit erschreckender Geschichte oder zweifelhafter Zukunft und somit bevorzugte Objekte für seine dokumentarisch-künstlerische Fotografie. In 2006 beendete er eine fotografische Dokumentation über den Auslandsnachrichtendienst "BND-Standort Pullach" und präsentierte im vergangenen Jahr in mehreren Ausstellungen seine Arbeit über "Vogelsang", die auch als Buch in wenigen Monaten erscheinen wird. Andreas Magdanz arbeitet oft jahrelang an seinen Projekten, streitet er mit Politikern und Verwaltungen, erkämpft sich Fotografiererlaubnisse, finanziert vor, sucht Sponsoren und arbeitet sich intensiv in die geschichtlichen, natürlichen, architektonischen und sozialen Gegebenheiten ein. Nur so kann er mit seinen fotokünstlerischen Projekten, die meist in einer Buchpublikation enden, die ganze Aura eines Ortes erfassen und der Nachwelt erhalten. Die Arbeit ist von hoher Konzeptionalität geprägt, die in Bildzyklen zum Ausdruck kommt. Die formale Vorgehensweise im Bezug auf Technik, Material, Komposition und Ausdruck, hat Andreas Magdanz immer wieder zu verändern versucht, um zu einer neuen Bildsprache zu finden. Als Ergebnis steht oft ein Konvolut an Photographien, das abhängig vom photographierten Objekt, unterschiedliche Vorgehensweisen mit thematisiert und entsprechend dem Sujet, völlig verschiedene Ausdrucksformen formuliert. Das bedeutet im Bezug auf die Lehre, dass nicht ein Stil von Bedeutung ist, sondern die Vermittlung der Vielfalt photographischer Ausdrucksformen. Eine Kombination von Vorlesungen über zeitgenössische Künstler/Photographen und eine Einführung in technische Grundlagen, die teilweise Anbindung an laufende Projekte, damit verbundene Exkursionen, ermöglichen in vorgegebenen Zeiträumen ein eigenständiges, freies Arbeiten und die Ausarbeitung einer eigenen künstlerischen Position. Am Ende des Seminars steht die Produktion eines Buches, das den Teilnehmern die Möglichkeit gibt, ausgewählte Arbeiten in spannende Bildstrecken umzusetzen und so eine kleine visuelle Enzyklopädie aus vielfältigen Positionen zu schaffen.

Schwerpunkt dieses Seminares war die JVA Stammheim.

Stammheim existiert in der Anschauung nicht. Vielmehr evoziert die Nennung des Stuttgarter Vortortes auch dreißig Jahre nach dem sog. Heißen Herbst im kollektiven Gedächtnis unweigerlich eine metaphorische Vorstellung, die für das »Furchtsyndrom der Zeit« (Hans Jürgen Kerner) steht. Seit langem ist die bildhafte Realität von Stammheim einzementiert und von einer medialen RAF-Erinnerungskultur überlagert, die in Malerei (Gerhard Richter), in der Fotografie (Astrid Proll), im Film (Bernd Eichinger) und im Fernsehen (Heinrich Breloer) eine nationale Rückvergewisserung zu zelebrieren sucht. Der retrospektive Blick, der zwangsweise ein verzerrender sein muss, wenn er mit dem naiven Anspruch der Rekonstruktion einhergeht, prägt bis heute den Umgang mit »Stammheim«. Als Realität bezeichnet Stammheim demnach eine Leerstelle, die weiterhin für mythisches Denken anfällig ist. »Stammheim vergessen« übertitelte der Journalist Oliver Tolmein eine Publikation über »Deutschlands Aufbruch und die RAF«. Auch das ist ein frommer und vergeblicher Wunsch. [...] Begleitend zu dem im November beginnenden und auf zehn Monate terminierte Projekt von Andreas Magdanz, haben die Semiarteilnehmer die Gelegenheit vor Ort zu arbeiten. Sowohl die JVA als auch der Ortsteil Stammheim lassen Rückschlüsse über Ursachen und Folgen des sogenannten Deutschen Herbstes zu und sind sowohl unter architektonischen als auch künstlerischen Gesichtspunkten interessant. Die Ergebnisse der studentischen Arbeiten werden in einer Publikation zusammengefasst und flankierend zu den geplanten Ausstellungen gezeigt. Veranstaltungsort: Stuttgart Stammheim
Dozent: Andreas Magdanz

Die Ergebnisse des Seminars sind als Buch erschienen und bei iTunes unter dem Titel JVA Stammheim zu finden.

Direkter link: http://itunes.apple.com/de/app/jva-stammheim-semesterprojekt/id458050161?mt=8

Dozenten: Andreas Magdanz, Thomas Schmitz


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