RWTH Aachen FB 2 Architektur

Lehrstuhl für Bildnerische Gestaltung

Damaskus

SS 2010 BiG OnTheRoad

Damaskus

Mit allen Sinnen – mittendrin

Das Veranstaltungsformat ‚BiG_OnTheRoad‘ hat sich eine Thematisierung der Orte und des Reisens zum Ziel gemacht. Reisen führen uns von dem Gewohnten weg zu neuen Erfahrungen und ‚zu neuen Ufern‘. Die Eindeutigkeit der Situation schafft für die Beteiligten an einer solchen Unternehmung eine kreative Atmosphäre, die alle ‚beflügeln‘ kann. Immer, wenn wir ein solches Seminar starten, reißen wir uns gegenseitig mit. Wir vertiefen uns – in unserer Arbeit – in einen fremden Ort.

Das hat auch einen Nebeneffekt, der uns wichtig ist: Eine von Tag zu Tag sich langsam verfeinernde Sensibilität für die sinnliche Erscheinung und die physische Präsenz der Dinge. Durch die Regelmäßigkeit der Arbeit nehmen wir schon nach wenigen Tagen an dem alltäglichen Treiben mit einer langsam sich entwickelnden Selbstverständlichkeit teil. Und zwar nicht nur als Danebenstehende. Indem wir uns an diese fremden Orte mit der gebotenen Ernsthaftigkeit annähern in der eigenen Arbeit, machen wir sie zu einem Teil von uns selbst: Mit allen Sinnen – mittendrin.

Das Zeichnen, Aquarellieren, Fotografieren, Filmen potenziert die Intensität der Erfahrung und es präzisiert und differenziert die Erinnerungen. Beinahe jede der Skizzen ruft vielfältige Erinnerungen hervor: An Geschehnisse, an Personen, die uns begegneten, an wunderbare Düfte, an den Hall eines Raumes, oder an den Geschmack einer Süßspeise. In unseren Zeichnungen offenbaren wir auch umgekehrt den dortigen Bewohnern unsere Sicht ihrer Lebensumgebung, wir öffnen uns, indem wir sie in unseren Arbeiten spiegeln. Vielleicht ist man uns deswegen fast immer so offen, neugierig und gastfreundlich begegnet?
Bereits zum dritten Mal in Folge haben wir in diesem Jahr den Kulturaum des Islam bereist. Wir finden jene Orte besonders spannend, an denen sich Spuren verschiedener Religionen und Kulturen seit Jahrhunderten überlagern und gegenseitig geprägt haben. Reisen nach Istanbul (2008) und Marrakesch mit Essaouira (2009) boten uns ganz unterschiedliche Einblicke in die vielfältige und faszinierende Formen- und Farbenwelt der islamischen Welt. Durch eine aufmerksame Beobachtung der Menschen, ihrer Bauwerke, der unendlich reichen Ornamentik, der Landschaft, aber beispielsweise auch der herrlich nuancenreichen Küche nähern wir uns schrittweise einer Kultur, über die wir in der Tagespresse oft Beängstigendes und dumpf Gewalttätiges hören – die sich aber vor Ort als feingeistig und außerordentlich vielfältig und lebendig erweist.

In Damaskus haben uns nicht nur die beeindruckenden Kulturdenkmäler beschäftigt, sondern genauso eine, wie wir finden, spezifisch islamisch geprägte Interpretation der klassischen Moderne. Ob aus Unkenntnis, ob aus dem Beharren auf dem eigenen kulturellen Verständnis, ob aus der Not heraus, die Dinge nicht in einem Zug realisieren zu können: Überall begegnet uns eine fast spielerisch leicht vorgetragene Fähigkeit, aus den unterschiedlichsten Elementen auffallend originelle Stil-, Funktions-, Farb-, und Materialassemblagen zu kreieren. Das durch die jahrhundertelange Tradition der geometrisch-abstrakten Ornament- und Schriftkunst entwickelte Verständnis für Flächenteilungen, für Modularität, für Kombinatorik findet sich hier an jeder Ecke, selbst noch im ärmlichsten Viertel. Wohl unbewusst und fast immer aus der Not geboren improvisiert hier eine kreative, immer noch handwerklich geprägte Alltagskultur mit Abfällen und mit den Hervorbringungen einer zunehmend uniformen, globalisierten Massenproduktion. Ein eher schwacher Sandsturm in der Oase Palmyra führt uns dann aber doch noch einmal eindrücklich vor Augen, wie dünn und nackt die Wände der neuen Bauten neben den entrückten Relikten einer kolossalen Stadt- und Tempelanlage sind. Dass auf dieser Reise so unglaublich viel gearbeitet wurde, ist der Faszination geschuldet, die dieses Land auf uns ausgewirkt hat, und der Energie der durchweg sehr engagierten Teilnehmer|nnen.

Thomas H. Schmitz

Dozenten: Stephanie Binding, Thomas Schmitz, Tobias Becker, Jan Jermer, Matthias Loth


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