RWTH Aachen FB 2 Architektur

Lehrstuhl für Bildnerische Gestaltung

Wahlpflichtangebot (3CP) - BiG_Medien:: Fotografie

Wahlpflichtangebot (3CP) - BiG_Medien:: Fotografie

"Niemand kann behaupten etwas verstanden zu haben, solange er es nicht photographiert hat", Emile Zola, 1920

Fotografieren kann jeder. Es lässt sich schließlich erlernen. Fotokunst dagegen verfolgt Ideen, vermittelt Inhalte, verdichtet Erkenntnisse jenseits des Handwerklichen. Der Fotokünstler Andreas Magdanz entwickelt seine fotografischen Werkkomplexe aus der Wechselwirkung zwischen dem Medium Fotografie und den mit Spannung aufgeladenen besonderen Orten als Motiv. Zahlreiche Publikationen darunter die von der Bundesregierung aufgegebene riesige unterirdische Atombunkeranlage "Dienststelle Marienthal", die Hommage an Marceline Loridan-Ivens "Auschwitz-Birkenau", die durch den Braunkohleabbau "Garzweiler" zum Untergang verdammten Dörfer und Landstriche, sind Orte mit erschreckender Geschichte oder zweifelhafter Zukunft und somit bevorzugte Objekte für seine dokumentarisch-künstlerische Fotografie. In 2006 beendete er eine fotografische Dokumentation über den Auslandsnachrichtendienst "BND-Standort Pullach" und präsentierte im vergangenen Jahr in mehreren Ausstellungen seine Arbeit über "Vogelsang", die auch als Buch in gedruckter und digitaler Form erschienen ist. 2011/12 photographierte er fünf Monate lang die Justizvollzugsanstalt "Stuttgart Stammheim"; die Publikation und Ausstellungen folgen Ende dieses Jahres. Andreas Magdanz arbeitet oft jahrelang an seinen Projekten, streitet er mit Politikern und Verwaltungen, erkämpft sich Fotografiererlaubnisse, finanziert vor, sucht Sponsoren und arbeitet sich intensiv in die geschichtlichen, natürlichen, architektonischen und sozialen Gegebenheiten ein. Nur so kann er mit seinen fotokünstlerischen Projekten, die meist in einer Buchpublikation enden, die ganze Aura eines Ortes erfassen und der Nachwelt erhalten. Die Arbeit ist von hoher Konzeptionalität geprägt, die in Bildzyklen zum Ausdruck kommt. Die formale Vorgehensweise im Bezug auf Technik, Material, Komposition und Ausdruck, hat Andreas Magdanz immer wieder zu verändern versucht, um zu einer neuen Bildsprache zu finden. Als Ergebnis steht oft ein Konvolut an Photographien, das abhängig vom photographierten Objekt, unterschiedliche Vorgehensweisen mit thematisiert und entsprechend dem Sujet, völlig verschiedene Ausdrucksformen formuliert. Das bedeutet im Bezug auf die Lehre, dass nicht ein Stil von Bedeutung ist, sondern die Vermittlung der Vielfalt photographischer Ausdrucksformen. Eine Kombination von Vorlesungen über zeitgenössische Künstler/Photographen und eine Einführung in technische Grundlagen, die teilweise Anbindung an laufende Projekte, damit verbundene Exkursionen, ermöglichen in vorgegebenen Zeiträumen ein eigenständiges, freies Arbeiten und die Ausarbeitung einer eigenen künstlerischen Position. Am Ende des Seminars steht die Produktion eines Buches, das den Teilnehmern die Möglichkeit gibt, ausgewählte Arbeiten in spannende Bildstrecken umzusetzen und so eine kleine visuelle Enzyklopädie aus vielfältigen Positionen zu schaffen.

Thema: BORSCHEMICH in Anlehnung an das Mitte der 90er Jahre realisierte Projekt "Garzweiler"

Theorie: Vorträge zu künstlerischen Positionen in der Photographie am Beispiel zeitgenössischer Künstler/Photographen. Beispiele unterschiedlicher Publikationen mit dem Schwerpunkt Buchpublikation.

Praxis: Exkursion in die vom Braunkohlentagebau betroffenen Gebiete um Borschemich und die neuen Siedlungen wie Neu-Otzenrath.

Veranstaltungsort: RWTH, Borschemich, Neu-Otzenrath

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"GARZWEILER", von Andreas Magdanz, Text von Prof. Dr. Walter Grasskamp

Die Arbeit um den ehemaligen Ort Garzweiler und den damit verbundenen Tagebau entstand in den Jahren 1995-96, gefördert durch das Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Düsseldorf, im Rahmen des Benningsen Foerder Preises. Arbeitstitel: »Photographie als Vermittlungsleitung zwischen einer gegenständlichen, visuell erfahrbaren Welt und einer geistigen Wirklichkeit«. Das Ergebnis ist eine Zeitung, die auf über 50 Seiten Photographien von Landschaft, Menschen und Tieren zeigt - mit einem in 6 Sprachen übersetzten Eingangstext von Prof. Dr. Walter Grasskamp.


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BiG Medien SS2012

Hinweise:

Erster Termin zwecks Vorstellung des Seminars ist Mittwoch, der 18. April 2012, Raum 215 um 16.00 Uhr. Das Seminar wird als Workshop über zwei Wochenenden gehen mit zwei bis drei Besprechungsterminen in Folge. Alle Termine werden in gemeinsamer Absprache noch festgelgt.

Das Seminar kann wahlweise über zwei Semester belegt werden, wobei eine Buchpublikation für digitale Medien die zweite Hälfte bestimmt.


Dozenten:
Thomas Schmitz
Andreas Magdanz

Weitere Informationen via myREIFF